Vogelsang, Wollseifen und Urftstausee

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Krieg: das Jenseits von Menschlichkeit!
[Zitat: Manfred Hinrich]

Letzten Sonntag war ich bereits auf dem Gelände "Vogelsang" im Rahmen einer Motorradtour unterwegs gewesen.
Irgendwie hatte mich dieser Besuch nicht losgelassen - die Stimmungslage schwankte zwischen "beeindruckt und bedrückt" - und ich beschloss, heute dort eine Wanderung zu unternehmen.

Ich warne gleich vor: es sind ein paar mehr Bilder geworden.




Beim Start auf dem Besucherparkplatz des Vogelsang IP sind mein Rüde und ich um 09:30 Uhr die bislang einzigen.

Also noch keine Menschenmassen.
Gut so.



Wir gehen nunmehr am provisiorischen Besucherzentrum vorbei - der Bau des neuen Forums wird vermutlich 2015 abgeschlossen sein.



Ein kleiner Hinweis auf den Nationalpark Eifel ;-)
Die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang ist ein von den Nationalsozialisten errichteter Gebäudekomplex bei Gemünd/Eifel oberhalb der Urfttalsperre in Nordrhein-Westfalen. Die Anlage diente der NSDAP zwischen 1936 und 1939 als Schulungsstätte für den Nachwuchs des NSDAP-Führungskaders. Der unter Denkmalschutz stehende Teil der Bauwerke umfasst eine Bruttogeschossfläche von mehr als 50.000 Quadratmeter (Quelle).



Auf unserem Rundweg kommen wir an diesem ehemaligen "Haus für weibliche Angestellte" vorbei.

Ein Jahr nach der Fertigstellung richtete die Deutsche Arbeitsfront hier eine Krankenstation ein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Komplex von britischen Streitkräften übernommen, die im umliegenden Gelände einen Truppenübungsplatz einrichteten. Ab 1950 bis Ende 2005 wurde die Infrastruktur von belgischen Militärstreitkräften übernommen, die unter dem Namen „Camp Vogelsang“ dort eine Kaserne einrichteten und den Truppen-übungsplatz nutzten bzw. verwalteten (Quelle).

1933 forderte Adolf Hitler in einer Rede an der „Führerschule des Sicherheitsdienstes“ in Bernau bei Berlin den Bau von neuen Schulen für den „Führernachwuchs“ der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP).
Finanziert wurde der Bau, der größtenteils auf der Gemarkung der Gemeinde Schleiden vollzogen wurde, aus Geldern der enteigneten Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände (Quelle wie vor).

Am 24. April 1936 wurden die drei Ordensburgen in einem Festakt an Adolf Hitler übergeben. Wenig später rückten die ersten 500 NS-Junker auf Vogelsang ein. Die Lehrgangsteilnehmer kamen aus ganz Deutschland. Sie waren auf Vorschlag der Gauleitungen von Robert Ley handverlesen ausgewählt worden (Quelle wie vor).



Am "Sonnenwendplatz" wurde ein sechs Meter hoher Wandblock mit einer Feuerschale errichtet.


Die Lehrgänge auf den NS-Ordensburgen sahen auch eine Pilotenausbildung vor. Zu diesem Zweck wurden Flugplätze an allen drei Burgen gebaut. Der Vogelsanger Flugplatz entstand in der Nähe des Walberhofes, nahe der Ortschaft Schleiden-Morsbach (Quelle wie vor).
Nach der Eröffnung des Schulbetriebs nutzte die politische Prominenz des Dritten Reichs Vogelsang auch als Repräsentationsort. Hitler sowie weitere führende Mitglieder des NS -Staates besuchten mehrfach die Ordensburg. Auf Wunsch der Parteileitung in Berlin wurde die Ordensburg Vogelsang von insgesamt 16 Bunkern des Westwalles gesichert, deren Reste noch heute erkennbar sind und am 1. 12.2006 unter Denkmalschutz gestellt wurden (Quelle wie vor).



Beim Kriegsausbruch im September 1939 wurden die Junker entlassen, die Burg Vogelsang wurde der Wehrmacht übergeben. Diese nutzte die Bauwerke zweimal als Truppenquartier: Einmal beim Westfeldzug 1940, danach im Rahmen der Ardennenoffensive im Dezember 1944 (Quelle wie vor).


Ab 1941 waren auf Vogelsang mehrere Klassen sogenannter Adolf-Hitler-Schulen untergebracht.
1944 bestand dort ein Wehrertüchtigungslager, in dem 15 bis 16 Jahre alte Jugendliche aus der Hitlerjugend militärisch ausgebildet wurden. Durch alliierte Luftangriffe wurden einige Gebäude zerstört, darunter der Ostflügel und die Turnhalle (Quelle wie vor).
Nach Ende des WK2 erwog die britische Militärverwaltung zeitweilig den Abriss der Ordensburg als herausragendes Symbol des Nationalsozialismus. Im September 1946 beschlagnahmten die Briten 42 km² Land rings um die Ordensburg als Truppenübungsplatz. Im Jahr 1950 wurde der Truppenübungsplatz („Training Area“ Vogelsang) mitsamt der ehemaligen Ordensburg von den Briten an die belgischen Streitkräfte übergeben (Quelle w. v.).



Nach Aufgabe des Truppenübungsplatzes steht das Areal der ehemaligen Ordensburg mit den gewaltigen Bauwerken seit dem 1. Januar 2006 einer zivilen Nutzung offen und kann tagsüber besichtigt werden, ein Teil der umliegenden Flächen ist durch Rad- und Wanderwege erschlossen (Quelle wie vor).



Wir verlassen nunmehr den geschichtsträchtigen Ort und folgen der Beschilderung nach "Wollseifen", wobei wir nun auf einem Teilstück des Eifelsteiges unterwegs sind.

Nachdem wir den Wald durchquert haben und auf eine Lichtung stoßen, fühlen wir uns auf den ersten Metern wohl.

Die Gedankengänge, die unweigerlich bei Vogelsang aufkommen, rücken in den Hintergrund.



Wir schrauben uns ein wenig in die Höhe und sehen den Nebel unter uns liegen.


Wir stoßen jetzt auf die Überreste des ehemaligen Dorfes Wollseifen.


Am 13.08.1946 forderte die britische Militärverwaltung die etwa 120 Familien des Ortes Wollseifen (ca. 500 Einwohner) auf, das Dorf innerhalb von drei Wochen zu räumen, denn die Briten wollten das Gelände für einen Truppenübungsplatz haben (Quelle).




Die Aufforderung löste Bestürzung bei der unvorbereiteten Bevölkerung aus, die geglaubt hatte, nach Rückkehr aus dem Kriege und aus dem Exil durch notdürftigen Wiederaufbau ihrer Häuser und erste Bestellung ihrer Felder aus dem Gröbsten heraus zu sein (Quelle).


Neben einigen nachträglich erbauten Truppengebäuden für den Häuserkampf sind vom ursprünglichen Dorf nur noch die Kirche, die Volksschule und das Trafohäuschen vorhanden.



Auf der Dreiborner Hochfläche halten wir uns rechts und wählen den Weg zur Urftstauseemauer.


Auf diesem wunderschönen Abschnitt erhaschen wir wiederkehrend einen Blick auf die "Burg Vogelsang".
Auch aus dieser Entfernung strahlt sie ihre negative Geschichte noch aus.


An einem Aussichtspunkt mit Holzbank und -tisch sehen wir die Urftseestaumauer unter uns liegen.

Bald werden wir über den Weg gehen.


Doch zunächst geht es etwas steiler hinab.
An einer Hinweistafel führt rechts dieser Weg wieder in die Höhe.
Da er nicht ausgeschildert war, laufen wir ein kleines Stück weiter, stellen den Fehler fest und kehren um.


Die Urfttalsperre in der Nordeifel ist eine 58,5 m hohe, 226 m lange und von 1900 bis 1905 errichtete Staumauer im Südwestteil des nordrhein-westfälischen Kreises Euskirchen, welche die Urft zum 2,16 km²großen Urftstausee (Urftsee) aufstaut (Quelle).

Am Ende der Mauer befindet sich eine Lokalität namens Urftseemauer.

Es geht nun immer am Rande des Urftsees vorbei.

Wunderschön und naturbelassen.

Ein Ort zum Innehalten.


Immer wieder muss ich stehenbleiben und fotografieren.

Ein Ausblick jagt den anderen.

Ich lasse die Seele baumeln ...



Nach mehreren Wendungen und Biegungen sehen wir wieder in der Ferne die "Burg" liegen.



Die teils recht schroff abfallenden Felsen führten zu diesen Sicherheitszäunen, um Wanderer und Radfahrere zu sichern.



Zwischendurch ein Blick zurück.
Vereinzelt kommen uns Fahrradfahrer entgegen.



Wiederum später sehen wir die "Victor-Neels-Brücke" rechts von uns liegen.


Die Victor-Neels-Brücke ist eine Stahl-Hängebrücke mit vier Seilen, die seit 2009 den Urftsee im Nationalpark Eifel überspannt.
Ziel und Zweck des Brückenbaus war es, für Radfahrer und Wanderer eine Verbindung zu schaffen, um vom Urftseerandweg auf die Höhe jenseits des Sees zur ehemaligen „NS-Ordensburg Vogelsang“ zu gelangen (Quelle).


Wir überqueren die Brücke, gehen die ausgewiesene Steigung (16 % auf 400 Meter) hinauf und gelangen wieder an der "Burg" an, wo wir am Parkplatz unsere Rundwanderung nach knapp 16 km beenden.






Fazit:

Was für eine Wanderung. Geschichtsträchtig bedrückend, Landschaftlich beeindruckend.
Ich bin begeistert. Abwechslungsreicher geht es kaum noch.
Wandertipp.

GPX-Daten, Karte etc. wie immer hier:



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Kommentare

Jürgen Weiß hat gesagt…
Ich habe Vogelsang und Wollseifen auf dem Wildnis-Trail. Kennengelernt. Ich habe in Vogelsang einen Eindruck der NS Kaderschmiede gewonnen. Diese Architektur beeindruckt und verängstigt noch heute. Die Wirkung in einer Diktatur wie damals muss sicherlich noch potenziert werden. Meine eindrücke in der Kirche von Wollseifen wirken noch drei Jahre nach ihrem Besuch. Seine Heimat verlassen zu müssen ist verstörend. Ja, diese Wanderung ist mehr als ein Naturvergnügen. Und trotzdem ist einem jedem ans Herz zu legen. Flucht und Angst Andersdenkender kommen einem Nähe.

Liebe Grüße
Jürgen